01.02.2016

Wer flüchtet schon freiwillig?

Eine Wortmeldung zu Fluchtursachen oder Warum sich unsere Gesellschaft neu erfinden muss

Katja Kipping

Mit den weltweiten Fluchtbewegungen stellen sich die grundlegenden Gerechtigkeitsfragen aktuell mit besonderer Dringlichkeit, und ihr globaler Charakter wird in aller Deutlichkeit klar. Das ist eine der Thesen, die diesem Buch zu Grunde liegen. Um sie zu erläutern, ist das erste Kapitel einer Sichtung der verschiedenen Fluchtursachen gewidmet. Auch wenn diese anfangs einzeln geschildert werden, so hängen sie doch zusammen und greifen systemisch in einander. Daher ist eine Auseinandersetzung mit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem erforderlich, wenn wir Fluchtursachen wirklich bekämpfen wollen. Mit der Fluchtbewegung platzt also die System frage in Merkels Biedermeier. Wie wenig die Reaktionen der Bundesregierung und der EU-Eliten dieser Herausforderung gerecht werden, wie wenig sie zudem geeignet sind, einen guten Start für das zukünftige Zusammenleben zu organisieren – und stattdessen eher dem wachsenden Rassismus in die Hände spielen – wird im zweiten und dritten Kapitel bearbeitet. Im Kontrast dazu geht es im vierten Kapitel um das, was längst Grund zur Hoffnung gibt: um all die Entwicklungen, die Mut machen sowie um all die Belege dafür, dass Einwanderung weniger als Problem, sondern vielmehr als Bereicherung erlebt werden sollte.

Und darin liegt die zweite zentrale These, die mich zum Schreiben motiviert hat: Die jetzige Situation muss nicht zwangsläufig auf eine Apokalypse zulaufen. Sie kann vielmehr auch den Wendepunkt zum Positiven, zu einer wirklichen Demokratie in der Einwanderungsgesellschaft, zu einem Land für alle darstellen. Diese Perspektive ist eng verknüpft mit einem neuen Verständnis von Kultur – und zwar einer Kultur frei von jeglichem nationalen Reinheitsgebot oder Leitkultur-Ansprüchen. Dabei wird dieses im fünften Kapitel herausgearbeitete Verständnis von Kultur nicht allein normativ begründet, sondern auch durch einen geschichtlichen Exkurs zu Migration verdeutlicht. Welche Schritte zu gehen sind, damit aus der das Buch durchziehenden Hoffnung auf Demokratie in der Einwanderungsgesellschaft eine neue Realität wird, wird dann im sechsten Kapitel erörtert. Deutlich wird: Ein sozialer Universalismus in Wort und Tat, eine soziale Unionsbürgerschaft sowie eine Offensive für das Öffentliche sind wegweisend auf dem Pfad zu einem solidarischen Europa der Einwanderung.

Honorar und Gewinnbeteiligung gehen vollständig als Spende an Organisationen der Flüchtlingshilfe.

Katja Kipping: "Schönes Gefühl, das eigene Buch in den Händen zu halten". Hier in "Der kleine Buchladen" im Karl-Liebknecht-Haus in Berlin.

Rezension:

Neues Deutschland vom 31.1.2016: Wir können verlieren

Termine:

Dienstag, 5. April, 17.30 Uhr, Stadtbibliothek Torgau
Lesung und Diskussion mit Rico Gebhardt

(weitere Termine folgen.)

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