Ein Mann mittleren Alters kommt vorbei und erwidert, das sei nicht sein Problem. „Aber vielleicht das Ihrer Frau“, kontert Katja Kipping. „Nein, wir lieben uns“, lautet die Antwort.
Frustration im Geschlechterkampf
Frustration im Geschlechterkampf. „Männer verstehen das Eintreten für Frauenrechte noch immer als persönlichen Angriff“, sagt die junge Bundestagsabgeordnete. Sie denken beim Frauentag nur an Blumen – und nicht an Gleichberechtigung.
Katja Kipping hat sich in ihrem jüngsten Buch an einem „Machiavelli für Frauen“ versucht, wo sie über die „Falle Galanterie“, die „taktischen Evergreens der Männer“ und das Sprengen von „Fesseln der Bescheidenheit“ schreibt. „Netzwerke“ sollen die Waffen der jungen Frauen werden – und es sind nicht die aus kuschliger Wolle gestrickten Netze weiblicher Softskills.
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Denn alte Männer sind das Problem der Linkspartei. Nicht weil die Frauenquote die männliche Doppelspitze aus Lothar Bisky und Oskar Lafontaine nicht erreicht. Sondern weil die Partei im Kern von älteren Herren gewählt wird: Im Westen macht die Gruppe der Männer zwischen 45 und 59 Jahren vierzig Prozent der Wähler aus.
Frauen wählen lieber Grüne oder SPD
Und die Mitglieder sind noch betagter: Zwanzig Prozent der Ostlinken hat die achtzig überschritten. Unter den Jungwählern schneidet die Linkspartei schlecht ab, vor allem Frauen wählen lieber Grüne oder SPD. Doch die Altherrenriege an der Spitze sieht in manch einer der Rebellinnen eine Bedrohung.
In Berlin steht Lucy Redler auf dem Rosa-Luxemburg-Platz. Sie geht einen Block entlang, macht vor dem Karl-Liebknecht-Haus halt, legt den Kopf in den Nacken und guckt nach oben. Hier, in der Zentrale der Linkspartei, wird bald das Urteil über ihre politische Zukunft gefällt: Die Bundesschiedskommission entscheidet über ihre Aufnahme in die Linkspartei. Denn Lucy Redler ist das Kunststück gelungen, sogar der Linkspartei zu links zu sein. Die Parteispitze ist gegen den Beitritt der Trotzkistin, der nachgesagt wird, sie könne sich demokratischen Verfahren nicht unterordnen.
Die „rote Lucy“ mit den blonden Haaren ist das derzeit beliebteste Fotomotiv auf Demonstrationen. Sie sieht dabei aus, als stolziere sie einen Catwalk entlang. Selbst das Megafon wirkt bei ihr wie ein Accessoire. Fragt man sie, ob die Linkspartei durch junge Frauen an Attraktivität gewinnen will, so wird die „Rebellin“ unwirsch.
Radikale Selbstinszenierung
Von einer Generation junger Politikerinnen mit Ausstrahlung will sie nichts wissen – sie ziehe in Talkshow-Runden immer „total normale Sachen“ an, Aussehen finde sie irrelevant. „Was soll das? Niemand würde auf die Idee kommen, darüber zu schreiben, wie die Frisur von Roland Koch oder der Anzug von Peer Steinbrück aussieht.“ Da hat Lucy Redler anscheinend die Debatten über Thorsten Schäfer-Gümbels Brille, die Frisur von Kurt Beck und die angeblich gefärbten Schläfen von Altkanzler Schröder verpasst.
Dann parkt ein Bus vor der Parteizentrale, eine Gruppe Rentner schiebt sich mühsam heraus. Sieht so die Parteibasis aus? „Das ist nur eine Reisegruppe“, stellt Lucy Redler eilig klar.
Von radikaler Selbstinszenierung versteht die 29 Jahre alte Frau einiges. Wurde sie doch berühmt mit ihrer Kritik an der rot-roten Politik des Berliner Senats. Immer wieder kreidet sie an, dass die Linkspartei „kämpferische und antikapitalistische“ Ideale opfere, um Regierungsfähigkeit zu demonstrieren.
Generation ehrgeiziger Politikerinnen
Im Gespräch verteidigt sie schon mal die Planwirtschaft. Sie will die Millionärssteuer und einen Maximalverdienst von 3000 Euro brutto für linke Parlamentarier. Dass Bundestagsabgeordnete nicht von sich aus mehrere Tausender im Monat spenden, ist ihr klar. Das müsse per Regelung vorgeschrieben werden. „Es hätte eine massive Ausstrahlung auf die Leute.“ Eine Frau kommt vorbei und bietet die Obdachlosenzeitschrift „Straßenfeger“ an. Lucy Redler kramt eine Fünfzig-Cent-Münze aus der Tasche: „Falls Ihnen das reicht.“
Doch auch unter dem Dach der Linkspartei hat sich eine Generation ehrgeiziger Politikerinnen nach oben gearbeitet. Im ersten Jahrzehnt nach der Wende war eine vorzeigbare Kommunistin wie Sarah Wagenknecht noch eine Ausnahmeerscheinung. Heute hat die Partei mit Katja Kipping und Halina Wawzyniak die jüngsten Frauen im Parteivorstand. Die Nachwuchspolitikerinnen sind intelligent, erfolgreich – und sie sehen gut aus. So sollen die klassenkämpferischen Inhalte ein frisches Gesicht bekommen.
Der Vormarsch der jungen Frauen steht keineswegs für eine Appeasement-Politik der Linkspartei, es geht ihnen nicht um Harmonie oder andere vermeintlich weibliche Werte. Sie sehen sich eher als Töchter Rosa Luxemburgs im Kampf gegen Militarisierung und Imperialismus.
Sympathien für Hamas und Taliban
Christine Buchholz vom Vorstand der Linkspartei etwa macht „Antikriegsarbeit“, wie sie es nennt. Die Taliban betreiben in ihren Augen Widerstand gegen die Besatzung. Und auch Sympathie für die Hamas wurde ihr schon vorgeworfen. „Es ist geheuchelt die Bewaffnung der Hamas zu kritisieren, wenn man gleichzeitig Waffen an Israel liefert“, gibt die Hamburgerin bei Keksen und Tee zu Protokoll.
In der Zeitung „Junge Welt“ äußerte sie sich da freizügiger und sagte, dass Israel Krieg im Interesse der Vereinigten Staaten führe. Auf der anderen Seite des Nahost-Konfliktes stünde unter anderem die Hizbullah. „Das ist die Seite, auf der ich auch stehe.“ Christine Buchholz gehört der linksextremen Organisation „Marx21“ an, das Erbe von „Linksruck“. „Marx21“ verbreitet Meinungen wie etwa jene, dass die Hamas die Gleichberechtigung von Mann und Frau vorantreibe. Sie spreche schließlich der Frau zu, „gegen Unrecht und Besatzung zu kämpfen“.
Auch Janine Wissler unterstützt „Marx21“. Sie ist 27 Jahre alt und Fraktionsvorsitzende im Hessischen Landtag. Als die Sozialdemokraten von der Linkspartei eine Aufarbeitung der DDR-Geschichte verlangten, entfuhr ihr ein folgenschwerer Satz: Die SPD solle sich dann auch für die Ermordung Liebknechts und Luxemburgs entschuldigen. Die Unionsfraktion beantragte daraufhin eine Aktuelle Stunde.
Engagement gegen rechte Gewalt
An der Küchentür in Janine Wisslers Elternhaus klebte tatsächlich ein Bild von Rosa Luxemburg. Als Grund für ihre schnelle Karriere werden häufig männliche Förderer genannt, Lafontaine etwa. „Bevor ich in den Landtag gewählt wurde, habe ich kein einziges Mal mit Lafontaine telefoniert. Man sucht einen Grund dafür, dass ich Fraktionsvorsitzende geworden bin. Es kann ja nicht sein, dass ich politische Argumente habe.“ Außerdem engagiere sie sich schon seit zehn Jahren.
Ende der neunziger Jahre demonstrierte sie gegen rechte Gewalt und trat „Linksruck“ bei. Soll sie sich im Landtag die sozialromantischen Hörner abstoßen, damit sie später Bundespolitik machen kann? „Ich hoffe, dass ich in zehn Jahren noch Hörner habe.“
In Dresden stellte die Linkspartei sogar die jüngste Abgeordnete aller Zeiten. Als Julia Bonk mit 18 Jahren in den Sächsischen Landtag gewählt wurde, verfielen manche Medien in Schwärmereien über die „schönste Abgeordnete Deutschlands“, die „sexy Sächsin“ mit ihrem „sinnlichen Sozialismus“. Julia Bonk, lange, dunkelrot gefärbte Haare, markantes Kinn, stahlblaue Augen, machte sich die Öffentlichkeit zunutze. Am ersten Sitzungstag im Jahr 2004, die NPD war mit 9,2 Prozent eingezogen, brach die Abgeordnete mit den Vorschriften und trug ein T-Shirt mit der Aufschrift „Schöner Leben ohne Nazis“. Das Foto machte sie zur Ikone der linken Jugend.
Che-Guevara-Poster über dem Bett
Knapp fünf Jahre später hat Julia Bonk neben der Ausübung des Mandats ihr Geschichts- und Politikstudium fast abgeschlossen. Sie wohnt in der Dresdner Neustadt, einem alternativen Stadtteil, der an das Ostberlin der neunziger Jahre erinnert. Das Wahlkreisbüro teilt sie mit einer griechischen und einer afrikanischen Tanzgruppe. Ein Magazin für junggebliebene Erwachsene bot ihr eine Kolumne an – und zog dann zurück, damit sich die Leserschaft um die dreißig angesichts des Erfolges dieser jungen Frau nicht schlecht fühlen muss.
Als Teenager las sie Romane über das Dritte Reich, klebte sich ein Che-Guevara-Poster über das Bett, hörte Musik von den Ärzten und beschloss, keine Autorität ungefragt hinzunehmen. Nach wenigen Wochen im Landtag bekam sie den Titel „Drogen-Jeanne-dArc“, weil sie in einem Interview für die Freigabe aller Rauschmittel plädiert hatte. „Bei Frauen wird man leichter unsachlich“, sagt Julia Bonk. „In Plenarsitzungen bekommen weibliche Abgeordnete viel mehr Zwischenrufe als die männlichen Kollegen.“
Katja Kipping, die Dresdnerin, sitzt in ihrem Büro und druckt Pressematerial aus, wofür sie die Rückseiten nicht mehr gebrauchter Dokumente verwendet – privater Dokumente. Umweltschutz ist jedoch nicht das Thema der Politikerin, sie ist sozialpolitische Sprecherin.
Ostdeutsche Ernsthaftigkeit
Die junge Frau von 31 Jahren trägt schweren Schmuck und einen roten Pagenschnitt. Ihre Gesichtszüge sind von einer Ernsthaftigkeit geprägt, die man bei vielen Ostdeutschen beobachten kann. Als die Mauer fiel, war sie elf Jahre alt und wohnte mit ihren Eltern in einem Dresdner Hochhaus. Ein Vorteil der jungen Linken: Man kann ihnen keine Verstrickungen in das SED-Regime vorwerfen. Sie haben das geteilte Deutschland nur als Kinder erlebt.
In ihrem Buch „Ausverkauf der Politik“ schreibt Katja Kipping, dass ein Platz in der ersten Reihe für eine Frau nichts „Ehrenrühriges“ sei, sondern Beitrag zur Gleichstellung. Deswegen sollten sich die neuen „unbescheidenen Frauen“ von „automatischer Kompetenzzuschreibung“ befreien.
Sie rechnet damit, dass bald eine Frau an der Spitze der Linkspartei stehen wird. Eine Reihe von unbescheidenen Nachwuchspolitikerinnen, die ihren weiblichen Machiavelli studiert haben, wird um diesen Posten kämpfen. Ein Ergebnis aber hat der große Rosa-Luxemburg-Ähnlichkeitswettbewerb schon jetzt hervorgebracht: eine Generation linker Frauen, die ihre männlichen Mitstreiter alt aussehen lassen.