Foto von Katja Kipping
10.03.2011

Union gibt den Märchenonkel

Der integrationsunwillige Migrant - ein ekelhafter Pauschalvorwurf

Dass die Union im Wahljahr 2011 darauf verzichten würde, wieder einmal das Märchen von den integrationsunwilligen Migranten zu erzählen, war nicht anzunehmen. Und da es, besonders kurz vor zwei Landtagswahlen, nicht platt genug sein kann, wird auch wieder mal ein Deutschtest gefordert, der im Falle des Nichtbestehens, oder beim Schwänzen des Kurses zum Verlust des Aufenthaltsrechtes führen soll.

Wieder einmal wird dabei unterstellt, dass ein relevanter Teil der Migranten integrationsunwillig seien. Ich hatte gestern erst die Gelegenheit, mich in der Dresdner Euroschule vom Gegenteil zu überzeugen. Etwa 140 Menschen aus ganz verschiedenen Herkunftsländern belegen dort derzeit Integrationskurse. Diese Kurse sind keine reinen Sprachkurse, sondern vermitteln außerdem Kenntnisse über die Gesellschaft, Politik, Kultur und Kunst in Deutschland. 600 Unterrichtsstunden sind dafür je Migrant(in) vorgesehen und die Dozentinnen und Dozenten der Schule können sich über fehlendes Interesse oder Unwilligkeit kaum beschweren. Manchmal habe sie eher den Eindruck, einzelne Absolventen würden absichtlich durch die Prüfung rasseln, um noch einen Nachschlag zu bekommen, berichtet eine Dozentin lachend.

Und in der Tat kann auch ich nichts von fehlendem Engagement bemerken, als ich schließlich eine Lerngruppe von 16 Frauen und Männern besuche und auch sofort mit ihnen ins Gespräch komme. Ich fand es bewundernswert, mit wie viel Eifer die Leute bei der Sache sind und – ein Großteil von ihnen war jenseits der 50 - fleißig eine schwierige Sprache wie Deutsch büffeln, um beruflich einen Neustart hinzubekommen.

Bewundernswert auch, wie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Schule auf die - oft schwierige - persönliche Situation der ihnen anvertrauten Menschen eingehen und versuchen, im Fördermitteldschungel das Beste für sie herauszuholen. Den Ausschlag für die nette Einladung an die Schule hatte übrigens der Rummel um Thilo Sarrazins Buch und die darin geführte und medial beförderte Pauschalschelte gegen Migrantinnen und Migranten gegeben.

Nicht, dass ich davon auch vorher nur ein Wort geglaubt hätte – aber es war wirklich interessant, sich einfach dorthin zu begeben, wo mit viel Elan und einer sehr positiven Grundstimmung erfolgreich Integration betrieben wird. Ich war jedenfalls sehr beeindruckt!


Schlagworte zu diesem Artikel: Dresden, Nützlichkeitsrassismus, Teilhabegerechtigkeit,
  • Herr Wenzel, Chef der Euroschule und seine Kollegin, Frau Wasserthal
    Herr Wenzel, Chef der Euroschule und seine Kollegin, Frau Wasserthal
  • Dozentinnen haben Spaß - ich versuche zu zaubern
    Dozentinnen haben Spaß - ich versuche zu zaubern
7 Tage - 7 Argumente

Linke Links

Freunde

Emanzipatorische Linke

Katja Kipping auf Facebook

Lesezeichen setzen