18.06.2007
Philisterzopf des Patriarchats
Kommentar im ND
In der Theorie sie schon gleichberechtigt, in der Praxis aber hängt der Philisterzopf den männlichen Genossen noch ebenso im Nacken wie dem ersten besten Spießbürger – so das Urteil von Clara Zetkin. Mit dieser Erfahrung steht sie nicht allein. Berichte von anderen Frauen, z.B. von Alexandra Kollontaj, liefern bezeichnende Beispiele dafür, wie die Arbeiterbewegung die Frauenfrage nur zu oft vernachlässigt hat. Mit diesem Teil unserer Tradition müssen wir uns auseinandersetzen. Insofern ist es gut, dass DIE LINKE sich in den programmatischen Eckpunkten klar auf die Frauenbewegung bezieht. Soweit zur Theorie. Doch wie sieht es mit der Praxis aus?
Laut Satzung sind immerhin alle Gremien quotiert. Doch was die Repräsentanz in der Öffentlichkeit anbelangt, so ist das Gesicht der Partei sehr männlich. Wir können froh sein, dass wir mit Lothar Bisky, Gregor Gysi und Oskar Lafontaine drei ausgezeichnete Männer beim Start in die neue Partei an der Spitze haben. Die Freude darüber ändert jedoch nichts an dem Problem, dass in der Öffentlichkeit DIE LINKE fast nur über Männer wahrgenommen wird – und das nicht nur an der Spitze. Auch in der zweiten Reihe drängen sich so viele Männer, dass gelegentlich der Blick auf die Frauen in unserer Partei verstellt ist. Dies muss sich ändern. Die Quote ist dabei kein Selbstzweck. Solange die Gesellschaft durch patriarchale Mechanismen geprägt ist, erleben Frauen Diskriminierungen, die Männer maximal vom Hörensagen kennen. Aus diesem unterschiedlichen Erfahrungshintergrund erwachsen gelegentlich unterschiedliche politische Prioritäten. Beispielsweise ergab eine Umfrage, dass Frauen überproportional eine Grundrente befürworten. Dies dürfte damit zusammenhängen, dass Frauen auf Grund der Brüche in ihren Erwerbsbiografien besonders von Altersarmut betroffen sind. Männliche, linke Sozialpolitiker hingegen neigen dazu, das Problem der Altersarmut gering zu schätzen. Zweitens geht es darum, Menschen beider Geschlechter Identifikationsmöglichkeiten in der Partei anzubieten. So mancher Frau fällt dies vermittelt über eine Frau leichter. Drittens ist es für moderne junge Männer wie Frauen nicht unbedeutend, inwieweit eine Partei Gleichstellung praktiziert. Die Vertretung von Frauen an der Spitze wird da gern als Indiz gewertet. Für junge Menschen mit linkem Elternhaus mag dies kein Ausschlusskriterium sein. Für manchen bisher parteipolitisch ungebunden jungen Menschen dafür schon.
Dies sind nur einige Gründe, die zeigen: DIE LINKE muss ihr erstes Jahr intensiv nutzen, um ein weiblicheres Gesicht zu bekommen. Für die anstehenden Wahlen zu Landeslisten bedeutet dies: Die Ausnahmesituation mit unseren drei Spitzenmännern darf keinen Dominoeffekt nach sich ziehen. Die Frauen wiederum sind gefragt, sich noch deutlicher zu profilieren. Bescheidenheit ist keine Tugend. Für Männer heißt das: Auch mal zurückzustecken. Ihr werdet dabei nichts verlieren; im Gegenteil ihr gewinnt. Und für alle bedeutet dies, frauenspezifische Probleme und Lösungen wie z.B. die Grundrente, mitzudenken. Weit 100 Jahre nach Clara Zetkins Kritik ist es an der Zeit, dass die Linke dem Philisterzopf den Kampf ansagt.